Discussion:
Was ist ein guter Film?
(zu alt für eine Antwort)
F. W.
2019-12-06 09:05:26 UTC
Permalink
Ja, was ist das eigentlich?

"Gut" ist im allgemeinen Sprachgebrauch vermutlich alles, was seine
Ansprüche erfüllt. Welche Ansprüche bestehen denn an einen guten Film?

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Über Ansprüche vermutlich auch
nicht. Beides ist von Person zu Person unterschiedlich.

Und von Zeit und Stimmung.

Eine gemütliche Männer-Runde mit Grill und Bier ruft vielleicht nach
einem Action-Film, in dem es bunt knallt (z. B. "Transformers" oder - je
nach Alter - vielleicht Bud Spencer und Terence Hill).

Es wäre aber auch möglich, dass sich ein paar der Männer, z. B. nach
einer Trennung, Filme wünschen, die vielleicht Romantik und Hoffnung
vermitteln.

Oder eben genau umgekehrt. :-)

Welche Filme sind "gut" und warum?

Mir fallen da, würde ich mich selbst fragen, nur ein paar (populäre)
Titel ein, die ich aber in keine Reihenfolge stellen könnte:

Bei "Jurassic Park" fühlte ich mich damals im Kino gut unterhalten.
Realistische Effekt und eine kammerspielartige Geschichte, kurzweilig
inszeniert, in einem fest umrissenen Territorium. Aber eben auch eine
zweite Ebene, die fragt, ob die Wissenschaft wirklich alles tun soll,
was sie tun kann.

Die "Rocky Horror Picture Show" dagegen, atmet die freie und unbefangene
Kultur der Siebziger Jahre. "Don't dream it - be it" wird zwar heute oft
gepostet, aber selten realsiert. Die Musik (ich mag eigentlich keine
Musikfilme) spricht dieselbe Sprache: Erotik kann doch eigentlich nie
schmutzig sein.

Dann "Harold und Maude" als ruhigere, intensivere Parabel dazu und als
Plädoyer für Freiheit, Nonkonformismus und Individualismus.
Hauptdarsteller ist die Gesellschaft, die eine Entscheidung nicht
versteht. Nicht die Figuren, die diese, ihre Entscheidung fällen.

Ein besonderer Film ist für mich "Man from Earth". Die eigentlich völlig
absurde (und von Fehlern nicht freie) Geschichte wirkt nie albern. Hinzu
kommt, dass sich die Hoffnung und Verzweiflung eines ewigen Lebens
allein in den Dialogen zeigt. Große Action gibt es dort nicht. Dennoch
ist der Film nie langweilig.

Erwähnenswert auch das Gegenteil: Spielbergs erster Erfolg "Duell". Eine
Handlung, die fast vollkommen ohne Text aus kommt und trotzdem der
Hauptfigur sehr nahe kommt. Allein die starken Bilder und Einstellungen
packen einen. Die Geschichte hat ein spektakuläres Ende aber keine
Auflösung. Die Bedrohung kann also jederzeit wiederkommen.

"Weites Land", der beste Nicht-Western im Western-Gewand, der eine
Geschichte über alte und neue Werte erzählt, die überall stattfinden
kann, aber im Westen eine ganz besondere Würze erhält.

"Forrest Gump", der vordergündig das Glück eines Gehandicapten erklärt,
im Hintergrund aber die US-amerikanische Mentalität beleuchtet.

"Stand by me", der die Frage stellt, wie sehr uns die Umgebung prägt und
die Weichen stellt.

Gute Filme haben für mich immer eine Geschichte, verpackt in einer
Geschichte. Lenken dann noch wenige oder keine Ortswechsel von der
Handlung ab (das Gegenteil von James Bond), ist für mich ein Film so
wertvoll, dass ich ihn kaufe.

FW
Stefan Ram
2019-12-08 18:37:59 UTC
Permalink
Post by F. W.
"Gut" ist im allgemeinen Sprachgebrauch vermutlich alles, was seine
Ansprüche erfüllt. Welche Ansprüche bestehen denn an einen guten Film?
Man kann diese Frage aus zwei Gesichtspunkten analysieren:

1. Epistemisch:

Wir müssen erst einmal die Definition von "gut" nachlesen:

"den Ansprüchen genügend"

Dann kann man sagen, "gut" ist zu vage, weil die Ansprüche nicht
hinreichend genau definiert wurden.

Epistemisch läßt es sich also nicht fassen!

(Aber, /wenn/ man Ansprüche definiert, könnte man
beispielsweise definieren: Heute Abend ist mein Anspruch
"zum Lachen gebracht werden". Dann ist der Film desto
besser, je mehr ich an diesem Abend lache. Problem: Man kann
schlecht mehrere Film an demselben Abenden ausprobieren, um
zu erkennen, bei welchem am meisten gelacht wird.)

2. Instrumental

Dann ist ein Film "gut", wenn es mir nützt, ihn als "gut"
zu bezeichnen.

Beispielsweise, wenn Lotte den Film mag, und ich will, daß Lotte
mich mag, wäre es einen Versuch wert, den Film auch gut zu finden.

(Aber oft führt das nicht zum gewünschten Erfolg, da gemeinsame
Filmvorlieben vielleicht nicht ausschlaggebend für Lotte sind!)

Oder ich möchte mich mit einer Nähe zu einem angesehenen
Regisseur schmücken und verleihe ihm deswegen der Preis
"Regisseur eines guten Films", dotiert mit einer Million
(damit er auch zur Preisverleihung erscheint).
Post by F. W.
Welche Filme sind "gut" und warum?
"2001 - Odysee im Weltraum", "Stalker" von Andrei Tarkowski,
"Mulholland Drive" von David Lynch, "Manhattan" von Woody Allen.

Vielleicht, weil sie fesselnd und gleichzeitig nicht trivial
(nicht klischeehaft) und frei von ablenkenden "Fehlern" (wie
beispielsweise Anachronismen, einer verrauschten Tonspur
oder Überbelichtung) sind.
Stefan Ram
2019-12-08 19:39:24 UTC
Permalink
Post by Stefan Ram
Vielleicht, weil sie fesselnd und gleichzeitig nicht trivial
Im Sinne von "etwas Neues bringen": entweder etwas Neues
und Interessantes zeigen oder eine neue und interessante
Sichtweise auf schon Bekanntes eröffnen.
Jan Novak
2019-12-09 14:04:54 UTC
Permalink
Post by Stefan Ram
Post by F. W.
"Gut" ist im allgemeinen Sprachgebrauch vermutlich alles, was seine
Ansprüche erfüllt. Welche Ansprüche bestehen denn an einen guten Film?
...
Post by Stefan Ram
2. Instrumental
...

Beides sehr interessante und klare Definitionen die ich nur bestätigen
kann, aber sicher nicht so kurz hätte beschreiben können.
Großer Daumen hoch.


Jan
H.-P. Schulz
2019-12-10 09:18:01 UTC
Permalink
Post by Stefan Ram
Post by F. W.
"Gut" ist im allgemeinen Sprachgebrauch vermutlich alles, was seine
Ansprüche erfüllt. Welche Ansprüche bestehen denn an einen guten Film?
"den Ansprüchen genügend"
Dann kann man sagen, "gut" ist zu vage, weil die Ansprüche nicht
hinreichend genau definiert wurden.
Genau nach diesen Ansprüchen frägt ja F.W.. Ansprüche sind
ausformulierbar. Ich habe das auf die Schnelle mal in meinem Posting
getan.

Man muss also gar nicht so tief schürfen, man muss lediglich die
Brummvokabel 'gut' weglassen, und übrig bleibt:
"Welche Ansprüche hast Du an einen Film?"
J J Panury
2019-12-10 09:20:06 UTC
Permalink
Post by Stefan Ram
Post by F. W.
"Gut" ist im allgemeinen Sprachgebrauch vermutlich alles, was seine
Ansprüche erfüllt. Welche Ansprüche bestehen denn an einen guten Film?
"den Ansprüchen genügend"
Dann kann man sagen, "gut" ist zu vage, weil die Ansprüche nicht
hinreichend genau definiert wurden.
Genau nach diesen Ansprüchen frägt ja F.W.. Ansprüche sind
ausformulierbar. Ich habe das auf die Schnelle mal in meinem Posting
getan.

Man muss also gar nicht so tief schürfen, man muss lediglich die
Brummvokabel 'gut' weglassen, und übrig bleibt:
"Welche Ansprüche hast Du an einen Film?"
Werner Tann
2019-12-10 11:08:58 UTC
Permalink
Post by H.-P. Schulz
Post by Stefan Ram
Dann kann man sagen, "gut" ist zu vage, weil die Ansprüche nicht
hinreichend genau definiert wurden.
Genau nach diesen Ansprüchen frägt ja F.W.. Ansprüche sind
ausformulierbar. Ich habe das auf die Schnelle mal in meinem Posting
getan.
Man muss also gar nicht so tief schürfen, man muss lediglich die
"Welche Ansprüche hast Du an einen Film?"
Das ist dann aber Feigheit vor dem "Feind" bzw. Ausweichen auf ein
leichteres Thema. Wenn man fragt, was fasziniert an der Mona Lisa, und
einer sagt "Mich nichts, denn mein 'Anspruch' geht in Richtung nackte
Weiber", hat man über die Qualität der Mona Lisa genau nichts
erfahren.

Wenn man danach fragt, was einen guten Film ausmacht, will man in
aller Regel eben nicht wissen, wann einem ein Film *gefällt*.
Gefallen, das ist das subjektive Geschmacksempfinden. Qualität,
"Güte", bestimmt sich durch allgemein nachvollziehbare Kriterien
innerhalb einer Geschmackscommunity.
J J Panury
2019-12-10 12:00:57 UTC
Permalink
Post by Werner Tann
Post by H.-P. Schulz
Post by Stefan Ram
Dann kann man sagen, "gut" ist zu vage, weil die Ansprüche nicht
hinreichend genau definiert wurden.
Genau nach diesen Ansprüchen frägt ja F.W.. Ansprüche sind
ausformulierbar. Ich habe das auf die Schnelle mal in meinem Posting
getan.
Man muss also gar nicht so tief schürfen, man muss lediglich die
"Welche Ansprüche hast Du an einen Film?"
Das ist dann aber Feigheit vor dem "Feind" bzw. Ausweichen auf ein
leichteres Thema. Wenn man fragt, was fasziniert
'Faszination' ist ja nun gleich wieder ein völlig anderes Thema ...
:))
Post by Werner Tann
an der Mona Lisa, und
einer sagt "Mich nichts, denn mein 'Anspruch' geht in Richtung nackte
Weiber", hat man über die Qualität der Mona Lisa genau nichts
erfahren.
Aber auch über die |gut|-Schiene erführe man nichts.

Wie man Bilder betrachten *lernen* kann (man kann tatsächlich
überhaupt erstmal _sehen_ lernen! Kein Scheiß! Echt!), kann man, etwas
abgewandelt, auch Filme betrachten lernen. Dann hat man mehr davon.
Und je besser, geübter man im Betrachten ist, desto seltener werden,
redet man dann darüber, diese Breitband-Wischiwaschi-Vokabeln wie
'gut', 'faszinierend', 'spannend'.

Also: Von "guten" Filmen redet eigentlich nur der Unverstand. Das ist
nicht verboten, und für naive Ranking-Spielchen ("Lieblings----" u.ä.)
ist das völlig hinreichend.
Es ist also letztendlich eine Frage der Bildung, des Wissens, der
"Durchdringung" <wessen auch immer>.

Ich selbst verwende die Vokabel 'gut' nurmehr scherzhaft, locker,
zitierend.
Post by Werner Tann
Wenn man danach fragt, was einen guten Film ausmacht, will man in
aller Regel eben nicht wissen, wann einem ein Film *gefällt*.
Gefallen, das ist das subjektive Geschmacksempfinden. Qualität,
"Güte", bestimmt sich durch allgemein nachvollziehbare Kriterien
innerhalb einer Geschmackscommunity.
Eben dann ja nicht bloß "Geschmack"! 'Geschmack' ist auch sone
s.o.-Vokabel.

Eher würde ich "Bildungscommunity" sagen. Auch Wissenschaft (hier:
Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte (bes. Ikonographie)) ist eine
solche Bildungscommunity.
Werner Tann
2019-12-10 14:02:26 UTC
Permalink
Post by J J Panury
Also: Von "guten" Filmen redet eigentlich nur der Unverstand.
Nein, hinter der Frage nach dem guten Film, der guten Musik, dem guten
Buch steht die uralte philosophische Frage nach dem Schönen (in der
Kunst). Wie fast alles haben die Philosophen natürlich auch dies
völlig unterschiedlich beantwortet. Immer ging es ihnen aber darum,
von ein paar Exzentrikern abgesehen, allgemeingültige Aussagen über
Bewertung von Kunst zu formulieren. Allgemeingültig heißt, wir haben
zwar alle einen unterschiedlichen Geschmack, unterschiedliche
Vorlieben, aber uns eignet allen der gleiche Verstand, die gleich Art
und Weise Welt - und damit Kunst - wahrzunehmen. Wenn wir oft zu
unterschiedlichen ästhetischen Urteilen kommen, ist das eher ein
Hinweis auf das gleichartige Funktionieren von Verstand als aufs
Gegenteil. Entscheidend ist aber, wie in jedem Dialog, der auf das
Überzeugen des anderen abzielt, die Argumentation - dass man sich die
Mühe macht, Gründe zu liefern fürs Behauptete.

Die Frage nach einem guten Film erforderte eine hochkomplexe Antwort,
wobei zuvörderst der theoretische Background genannt werden sollte,
von dem man herkommt. Ein Anhänger des avantgardistischen Films etwa
wird ein vollkommen anderes Filmverständnis haben als der
Mainstream-Konsument.
Cornell Binder
2019-12-11 01:39:21 UTC
Permalink
Post by Werner Tann
Die Frage nach einem guten Film erforderte eine hochkomplexe Antwort,
wobei zuvörderst der theoretische Background genannt werden sollte,
von dem man herkommt. Ein Anhänger des avantgardistischen Films etwa
wird ein vollkommen anderes Filmverständnis haben als der
Mainstream-Konsument.
Brauchst Du ein paar Zellstofftücher?


CoBi
--
recently seen in a cinema near me:
Ad Astra - Zu den Sternen ............................................. 2937
Midsommar ............................................................. 2936
The Kitchen: Queens of Crime .......................................... 2935
Andy Angerer
2019-12-11 15:27:33 UTC
Permalink
Post by Cornell Binder
Post by Werner Tann
Die Frage nach einem guten Film erforderte eine hochkomplexe Antwort,
wobei zuvörderst der theoretische Background genannt werden sollte,
von dem man herkommt. Ein Anhänger des avantgardistischen Films etwa
wird ein vollkommen anderes Filmverständnis haben als der
Mainstream-Konsument.
Brauchst Du ein paar Zellstofftücher?
Glaubst Du, er sprach von Pornos?
--
**** Die andere Site ****
(mit den anderen Links)
www.angerer-bodenlos.de
J J Panury
2019-12-11 11:58:25 UTC
Permalink
Post by Werner Tann
Post by J J Panury
Also: Von "guten" Filmen redet eigentlich nur der Unverstand.
Nein, hinter der Frage nach dem guten Film, der guten Musik, dem guten
Buch steht die uralte philosophische Frage nach dem Schönen (in der
Kunst).
Nein, ich bleibe dabei: 'gut' (in diesem Zusammenhang, also *nicht*
mit Moral usw.) ist eine Koffervokabel, die vor allem den, der sie
äußert, weitergehender Denkmühe überhebt bzw. einem Gegenüber
signalisiert, das eine vertiefte Erörterung/Analyse nicht gewünscht
wird.

|gut| ist ein Konzept aus der Welt des Meinens, Mögens, Findens und
Gefallens.

Unter einander sehr gut Bekannten kann dieses 'gut' auch eine
Abkürzung sein: Man weiß, wie es, und was, der andere meint; man ist
da schon seit langem überein.
Post by Werner Tann
Wie fast alles haben die Philosophen natürlich auch dies
völlig unterschiedlich beantwortet. Immer ging es ihnen aber darum,
von ein paar Exzentrikern abgesehen, allgemeingültige Aussagen über
Bewertung von Kunst zu formulieren. Allgemeingültig heißt, wir haben
zwar alle einen unterschiedlichen Geschmack, unterschiedliche
Vorlieben, aber uns eignet allen der gleiche Verstand, die gleich Art
und Weise Welt - und damit Kunst - wahrzunehmen. Wenn wir oft zu
unterschiedlichen ästhetischen Urteilen kommen, ist das eher ein
Hinweis auf das gleichartige Funktionieren von Verstand als aufs
Gegenteil. Entscheidend ist aber, wie in jedem Dialog, der auf das
Überzeugen des anderen abzielt, die Argumentation - dass man sich die
Mühe macht, Gründe zu liefern fürs Behauptete.
Die Frage nach einem guten Film erforderte eine hochkomplexe Antwort,
Nein, sie erfordert eine oberflächliche Smalltalk-Antwort.

Interessant kann es werden, lautet die Frage etwa:

"Was ist an einem Film, an dessen Ende ich sicher bin, dass ich ihn
bestimmt wiederholt betrachten werde - und zwar nicht erst in fünf
Jahren?"

oder

"Welche ideologische Botschaft reproduziert ein Film?"

[Man muss sich klar machen, dass Filmkunst "auch nur" eine
Literaturform ist. Das Analyse-Handwerkszeug ist bei Film und
gedruckter Literatur fast dasselbe.
Deshalb hat ja auch die "Verfilmung" gedruckter Literatur eine
Tradition, die so alt ist wie der Film an sich. Anderslang ist der
Transfer seltener, aber das mag sich ändern.]
Werner Tann
2019-12-11 18:29:58 UTC
Permalink
Post by J J Panury
Nein, ich bleibe dabei: 'gut' (in diesem Zusammenhang, also *nicht*
mit Moral usw.) ist eine Koffervokabel, die vor allem den, der sie
äußert, weitergehender Denkmühe überhebt bzw. einem Gegenüber
signalisiert, das eine vertiefte Erörterung/Analyse nicht gewünscht
wird.
Das kann so sein, muss aber nicht so sein. Und im akademischen oder
wenigstens vernünftigen Diskurs wird es eher selten sein. Wenn sich
also Leute austauschen, die a) Ahnung von der Materie haben und b)
Gründe für ihre Ansichten nennen wollen. Zwei Handwerker einigen sich
meistens schnell darauf, welche von zwei Bohrmaschinen die "bessere"
ist und können dieses Urteil auch begründen. Prinzipiell besteht kein
Unterschied darin, ob man ein Werkzeug, einen Roman oder einen Film
als "gut" bewertet. Auch wenn ein Lehrer einen Aufsatz mit den
Scbhulnoten "gut" oder "sehr gut" bewertet, drückt er damit nicht nur
ein Gefallen aus, sondern bekundet auch, dass der Schüler in der Lage
ist, seine Gedanken verständlich, sprach- und schreibrichtig zu Papier
zu bringen. Wie du wissen wirst, sind Schulnoten definiert, insofern
kann da von einer "Überhebung einer weitergehenden Denkmühe" gar keine
Rede sein. Der Lehrer muss ggf. begründen, inwiefern seine Benotung
den schulgesetzlichen Vorgaben für "gut" oder "sehr gut" entsprochen
hat
Post by J J Panury
|gut| ist ein Konzept aus der Welt des Meinens, Mögens, Findens und
Gefallens.
Beim Stammtischblabla ja. Aber über "gute" Kunst denken auch gescheite
und gebildete Leute nach. Auch dann, wenn sie das Wort "gut" nicht
explizit verwenden. Der Nobelpreisverleihung jetzt an Peter Handke
liegt eine solche implizite bis explizite Begründung zu Grunde. Warum
bekommt jemand einen Literaturnobelpreis? Na, weil seinen Bücher für
"gut" befunden werden. Schlechte Romane mögen sich u. U. gut
verkaufen, aber deren Autoren kriegen keinen Nobelpreis. Wie würdest
du das unterscheiden, wenn nicht mit "gut" und "schlecht"?
Post by J J Panury
Post by Werner Tann
Die Frage nach einem guten Film erforderte eine hochkomplexe Antwort,
Nein, sie erfordert eine oberflächliche Smalltalk-Antwort.
Am Stammtisch, siehe oben. Wenn jemand, der sich einmal mit
Filmtheorie und Bewertung beschäftigt hat, eine Antwort sucht, wird es
umfänglicher.
Post by J J Panury
"Was ist an einem Film, an dessen Ende ich sicher bin, dass ich ihn
bestimmt wiederholt betrachten werde - und zwar nicht erst in fünf
Jahren?"
Zirkelschluss. Du packst das, was du beweisen möchtest, in den Beweis.
Du hast noch gar nicht begründet, dass das Verlangen, einen Film
wiederholt zu betrachten, ihn zu einem "guten" macht. So einfach kommt
man eben nicht weiter. Das Verlangen, einen Film öfter zu sehen, ist
wahrscheinlich ein notwendiger, aber sicher kein hinreichender Grund,
ihm das Gütesiegel umzuhängen.
Post by J J Panury
"Welche ideologische Botschaft reproduziert ein Film?"
Das wird sehr verschieden gesehen. Du weißt, was z. B. in der DDR und
auch im Westen in den linken 70er und 80er Jahren ideologisch alles
abgearbeitet sein musste, damit ein Roman oder Film öffentliche
Anerkennung erfahren konnte. Die Gegenposition ist die Autonomie der
Kunst, das l'art pour l'art. Weder das politisch engagierte Kunstwerk
noch das autonome kann man mit einem Federstrich als verpflichtend für
jeden Künstler oder als verdammenswert hinstellen. Here we go. Das
alles erforderte komplexe Diskussion. Die neue linksgrüne Dogmatik
macht es sich leicht, da gebe ich dir recht. Jedes Buch, jeder Film,
das/der nicht das Lied der Klimarettung und der Willkommenskultur
singt, kann in ihren Augen nur "schlecht" sein ... Wer kritisiert
jetzt die Nobelpreisvergabe an Handke, und mit welchen Argumenten?
Michael Ottenbruch
2019-12-14 13:21:10 UTC
Permalink
Post by J J Panury
"Was ist an einem Film, an dessen Ende ich sicher bin, dass ich ihn
bestimmt wiederholt betrachten werde - und zwar nicht erst in fünf
Jahren?"
Filme können aus den unterschiedlichsten Gründen "gut" sein, und ein
Film, der die oben genannte Sicheerheit auslöst, ist auch in meinen
Augen ein "guter Film".

Ein Beispiel für einen solchen Film ist IMHO "The Sixth Sense". Ich
wußte sofort, daß ich mir diesen Film - in Kenntnis des Endes! -
innerhalb weniger Tage noch einmal im Kino ansehen würde. Der Grund
dafür, war nicht so sehr die filmtheoretische Frage, wie er es gemacht
hatte, daß "des Rätsels Lösung" die ganze Zeit über offen vor uns lag,
ohne daß wir - oder zumindest ich - sie auch im Entferntesten gesehen
hätten, sondern die Faszination darüber, mit welcher Leichtigkeit er das
gemacht hat. Je öfter man den Film sieht, desto mehr kleiner Momente
fallen einem auf, in denen man denkt: "Ach ja, hier hätte man ja auch
stutzig werden müssen."

Also das genaue Gegenteil eines klassischen Whodunit-Krimis, bei dem man
genau einen einzigen Hinweis erkennen und einordnen muß, damit sich
alles auflöst. Das ist der Grund, warum solche Filme einen zwar beim
ersten Sehen absolut faszinieren können - wenn sie denn gut gemacht sind
- aber man kaum ein zweites mal hineingeht, wenn man die Lösung einmal
kennt.

TSS habe ich übrigens wohl immer noch nicht oft genug gesehen.

Ein ganz anderes Beispiel ist "Once Upon a Time in the West". Ich habe
ihn gestern einer Patientin gegenüber erwähnt, die mir dann erzählt hat,
ihr Vater habe ihr, als sie 16 war, die DVD eingelegt und gesagt: "Den
kuckst Du jetzt!" Nach einer halben Stunde hat sie gemeutert
("Langweilig; keine Ahnung, worum es da eigentlich geht; was soll das
überhaupt ...), aber ihr Vater meinte nur, Mund halten und weiterkucken.
Sie war ihm dann hinterher sehr dankbar.

Dieser Film ist in vielen Beziehungen ein Meisterwerk, von der
Konstruktion her, von seiner Bedeutung für das Genre her, von seiner
Betrachtung der beschriebenen Epoche her, von der Interaktion der
Charaktere her, von Bildern, Musik, Atmsphäre und noch vielem Anderen
ganz zu schweigen. Ich habe gestern Abend dann noch einmal nachgesehen:
Die Sequenz, in der man endlich erfährt, worum es in dem ganzen Film
vordergründig überhaupt geht, beginnt bei 1h 35 min. (Zum vergleich: TSS
dauert insgesamt 1h 47 min.) Der Genuß, den Film noch einmal zu sehen,
ist dann beim zweiten Mal, wenn man es also bereits von Anfang an weiß,
allerdings nicht um einen Deut geringer.

Eine der Faszinationen dieses Films - aber bei weitem nicht die einzige
oder größte - liegt IMHO darin, daß man bei jedem Sehen etwas neues
entdeckt, was Leone gerade anders gemacht hat als alle vor ihm, wodurch
der Film so wirkt, als würde man gerade gleichzeitig seinen ersten, aber
auch den letzten "Western" (oder "Anti-Western") überhaupt sehen.

Ich könnte jetzt auch noch über "Casablanca" schreiben, den ich wohl
über 100mal gesehen habe, aber wir wollen es für heute bewenden lassen.
--
...und tschuess!

Michael
E-mail: ***@sailor.ping.de
Stephan Seitz
2019-12-10 13:05:33 UTC
Permalink
Post by Werner Tann
leichteres Thema. Wenn man fragt, was fasziniert an der Mona Lisa, und
einer sagt "Mich nichts, denn mein 'Anspruch' geht in Richtung nackte
Weiber", hat man über die Qualität der Mona Lisa genau nichts
erfahren.
Aber wieso bist du der Meinung, daß du von dieser Person, die nur nackte
Weiber will, etwas über die Qualität der Mona Lisa erfahren kannst?
Die interessiert sich doch gar nicht für die.
Die einzige "Qualität" wäre "sie trägt Kleider".
Post by Werner Tann
Gefallen, das ist das subjektive Geschmacksempfinden. Qualität,
"Güte", bestimmt sich durch allgemein nachvollziehbare Kriterien
innerhalb einer Geschmackscommunity.
und ist wie bei all diesen Wischiwaschi-Dingen eine rein subjektive
Gewichtung. Da kann dir auch jemand etwas erzählen, daß nach allen
Kriterien dieser Wein der beste der Besten ist, und er muß dir nicht
mal ansatzweise schmecken.

Shade and sweet water!

Stephan
--
| Stephan Seitz E-Mail: stse+***@fsing.rootsland.net |
| If your life was a horse, you'd have to shoot it. |
Werner Tann
2019-12-10 14:02:26 UTC
Permalink
Post by Stephan Seitz
Post by Werner Tann
leichteres Thema. Wenn man fragt, was fasziniert an der Mona Lisa, und
einer sagt "Mich nichts, denn mein 'Anspruch' geht in Richtung nackte
Weiber", hat man über die Qualität der Mona Lisa genau nichts
erfahren.
Aber wieso bist du der Meinung, daß du von dieser Person, die nur nackte
Weiber will, etwas über die Qualität der Mona Lisa erfahren kannst?
Habe ich auch nicht behauptet. Ich habe dagegen argumentiert, dass der
"persönliche Anspruch" ein Kriterium dafür ist, herauszufinden, was
ein guter Film ist.
Andy Angerer
2019-12-10 13:13:53 UTC
Permalink
Post by H.-P. Schulz
Man muss also gar nicht so tief schürfen, man muss lediglich die
"Welche Ansprüche hast Du an einen Film?"
Vor allem, daß er gut ist.
--
**** Die andere Site ****
(mit den anderen Links)
www.angerer-bodenlos.de
Werner Tann
2019-12-10 14:02:26 UTC
Permalink
Post by Andy Angerer
Post by H.-P. Schulz
Man muss also gar nicht so tief schürfen, man muss lediglich die
"Welche Ansprüche hast Du an einen Film?"
Vor allem, daß er gut ist.
Feiner Zirkelschluss. :-)
Andy Angerer
2019-12-10 14:06:35 UTC
Permalink
Post by Werner Tann
Post by Andy Angerer
Post by H.-P. Schulz
Man muss also gar nicht so tief schürfen, man muss lediglich die
"Welche Ansprüche hast Du an einen Film?"
Vor allem, daß er gut ist.
Feiner Zirkelschluss. :-)
Ich konnte nicht widerstehen.
--
**** Die andere Site ****
(mit den anderen Links)
www.angerer-bodenlos.de
Stefan Ram
2019-12-10 23:05:33 UTC
Permalink
Post by Stefan Ram
"2001 - Odysee im Weltraum", "Stalker" von Andrei Tarkowski,
"Mulholland Drive" von David Lynch, "Manhattan" von Woody Allen.
Und "Das 1. Evangelium – Matthäus" von Pasolini.
Cornell Binder
2019-12-09 02:57:10 UTC
Permalink
Post by F. W.
Welche Filme sind "gut" und warum?
Für jede Definition und Liste wird sich jemand finden, der
dem widerspricht. Insoweit ist die einfache Frage ob etwas
"gut" ist zuwenig.

Was hingegen oft hilft, ist die erweiterte Frage: *Warum*
ist ein/der Film gut? Da die darauf folgende Antwort eine
Begründung beinhalten muß, kann man sich mit der entsprech-
end auseinander setzen.

Das zeichnet auch eine gute Filmkritik aus. Die Erklärung
*warum* die Kritikerin zu ihrem Urteil kommt. Denn selbst
wen dieses negativ ausfällt, kann man es für sich selbst
immer noch anders einordnen.


CoBi
--
recently seen in a cinema near me:
Ad Astra - Zu den Sternen ............................................. 2937
Midsommar ............................................................. 2936
The Kitchen: Queens of Crime .......................................... 2935
J J Panury
2019-12-09 11:56:53 UTC
Permalink
Für mich ist ein guter Film einer,

- der mir Denk- und ggf. Gesprächsstoff gibt;

- der mir ein gutes Hölzchen ist, um auf ein interessantes Stöckchen
zu kommen;

- den ich fortspinnen mag (und kann);

- von dem ich denke: "Wirklich mal was Neues!" oder "Einzigartig!";

- der eine menschliche Aussage hat;

- mit einer sorgfältig gemachten Sprach-Synchro;

- mit überdurchschnittlicher Maske, Kostüm, Requisite, Location
(besonders in "Period"-Dramen)

- bei dem ich mich am Schluss schon aufs nächste Mal gucken freue

....

Zwei bis drei dieser genannten "Kriterien" sollte ein Film erfüllen,
damit ich ihn - für mich selbst - "gut" nenne.
Loading...